HSHS 2003/04 – Tagebuch vom 23.–26. Januar von Susann Joch
Landaufenthalt in Costa Rica – Die Reise nach Tortuguero
"Corcovado war Kindergeburtstag – Tortuguero ist Wildnis"

Mit diesen Worten stimmte uns unsere Biologielehrerin auf das nördlich gelegene Regenwaldgebiet ein, ermunterte uns mit der Aufzählung der Gefahren, etwa durch giftige Frösche oder Schlangen...wie etwa der Lanzenotter, die dort am meisten vorkommen sollte, und teilte uns außerdem mit, dass sie leider ihre in ihrer Funktionsweise umgekehrte Spritze vergessen hatte, die bei Giftschlangenbissen das Gift aus der Wunde ziehen sollte.

Auf nach Tortuguero!

Zur richtigen Einstimmung regnete es am Tag der Ankunft, und zwar in Strömen. Wir waren schon durchnässt, als wir die kurze Strecke vom Bus zu den Booten liefen. Die Regensachen waren im Rucksack verstaut, da es, laut Ansage, warm werden sollte. So viel zu Sonnenschein und gemütlicher Bootstour.

Nun...lasst euch von meiner leichten Ironie keinen Schauer über den Rücken jagen, ich selber fand den Regen auf den Haaren und im Gesicht herrlich, dazu kam die Geschwindigkeit der Boote, die atemberaubende Landschaft und die Vorfreude auf "richtigen" Regenwald. Leider sah man diesen am Anfang überhaupt nicht, da er zugunsten der Plantagen abgeholzt worden war. Dennoch bot der Landstrich ein einzigartiges Bild. Angekommen in Tortuguero, tauchte auch das erste kleine Problemchen auf. Dies war nur eine biologische Station, nicht erbaut und geeignet für 32 Personen. Es blieb die Frage, wer schläft denn bei dem lieben Regen draußen in einem hübschen Zelt? Nach anfänglichem Zögern meldeten sich immer mehr, am Ende sogar mehr Mädchen als Jungs. Doch, wie es sich später herausstellte, konnte man in den Holzhäusern, die uns als Unterschlupf dienten, mehr Leute aufnehmen als ursprünglich gedacht, auch im Speisesaal schlugen einige Schüler, die für ihre Ordnung bekannt waren (es musste jeden Morgen dort gespeist werden, das kann man nicht, wenn Berge von Schlafsäcken, Isomatten und Menschen dort liegen), ihr Lager auf. So kam es, dass nur zwei Individuen der Gattung Homo Sapiens im prasselnden Tropenregen zelteten...

Am Morgen regnete es immer noch, dennoch scheute man den Gang in den Speisesaal nicht, um das wohl bekannte Gallo Pinto zu sich zu nehmen... (für die Nichtwisser: Reis mit Bohnen und Rührei). Anschließend fand eine Wanderung durch den Regenwald statt. Da sich fast jeder ausmalen konnte, dass es etwas schlammig werden könnte, killte man MoMa’s Panzertape und einige Müllbeutel, um sich einen kniehohen Schutz gegen Schlamm anzufertigen. Gleich zu Beginn sahen wir einen Tukan auf einem Baum sitzen, und die Ferngläser wurden weitergereicht, sodass jeder, der wollte, ihm einen Blick schenken konnte. Einige waren sichtlich hingerissen von der Farbenpracht des Schnabels. Als er wegflog, machten wir uns wieder auf den etwas schlammigen Weg. Doch schon noch einiger Zeit dämmerte uns, dass das Trockenbleiben der Hosenbeine reine Utopie war.

Plötzlich sahen wir uns einem "Weg" gegenüber, der aus kniehohem Matschwasser bestand. Wir liefen... nein, wir kämpften uns durch reine, große Schlammpfützen, teilweise sank man bis zum Oberschenkel ein. Könnt ihr euch denken, wie groß die "Verlockung" war, hinzufallen? Einige waren natürlich von den Vorzügen eines Schlammbades so angetan, dass sie ihrer Haut diesen Luxus gönnten. Ob unabsichtlich oder nicht, lasse ich am besten beiseite. Natürlich gab es immer wieder Beschwerden darüber, im Wasser zu waten. Besonders, als es einmal nicht weiterging, und die Hinteren nicht wussten, was es vorne bei den Ersten Interessantes zu sehen gab. So wateten sie mit durchnässten Schuhen im Wasser, denn keiner ging freiwillig an Land. Es ist gut, dass Treiberameisen nicht schwimmen können, denn am Ufer tummelten sich Tausende dieser großen Insekten. Am Ende aber hatte man sich an die Umstände gewöhnt, und nur der ungestillte Wissensdurst der Letzten bereitete manchen Qualen. In so einer großen Gruppe ist Wissensvermittlung schwierig, und das Wenigste kam hinten an. Jedoch wartete Gabriel, der Stationsleiter, auf alle, um ihnen die gefangene Schlange – eine ungiftige – zu zeigen. Auch einige rote Pfeilgiftfrösche bekamen wir zu Gesicht. Die Haut dieser Spezies enthält ein Gift, welches uns nicht wirklich gefährlich werden kann, aber einen anderen Frosch, wenn wir diesen mit derselben Hand berühren, die den Pfeilgiftfrosch berührt hat, auf der Stelle töten würde.

Mittags erreichten wir wieder die Station, wir aßen und hatten bis 15 Uhr Freizeit. Einige fuhren in den Kanus am Ufer herum, einige lasen, und andere ruhten sich einfach aus. Um 15 Uhr, der Regen hatte bereits vor Mittag nachgelassen, fuhren wir mit einigen Booten über den Fluss, um zu einer Fledermaushöhle zu wandern. Vorher aber stiegen wir auf einen Hügel, Berg wäre zu übertrieben, um von einem erhöhten Platz aus das Panoramabild, welches sich uns dort oben bot, zu genießen. Unterwegs begleitete uns unser Freund, der Matsch. Der Anstieg war gewaltig, vermutlich war unser Weg ein Bachwasserfällchen (gibt es das Wort?), der nur kein Wasser führte. Dementsprechend könnt ihr euch vielleicht die Steigung vorstellen. Aber wir sind ja die Schüler der High Seas High School, und damit war der Weg ein Kinderspiel.

  

Am Wegende sahen wir noch einen Brüllaffen, der ruhig und gelassen einige Blätter fraß und sich um nichts in der Welt Sorgen machte. Das eigentliche Ziel, die Fledermaushöhle, lag unterhalb des Hügels, und sie war schnell erreicht. Viele Fledermäuse hingen kopfüber an der Decke aus Stein und versuchten, sich nicht von uns stören zu lassen. Sie wollten bestimmt noch ein paar Minuten dösen, eh sie sich auf die Jagd nach Insekten oder Früchten machten. Gerade mit Einbruch der Dämmerung trafen wir in der Station ein, und nach dem langsam zur Gewöhnung werdenden Auswaschen der Kleidung und Schuhe, versammelten wir uns im Speisesaal, um das Abendmahl einzunehmen. Danach begann die zweite große Tierstunde. Nachdem uns gestern ein paar Schlangen gezeigt wurden, kam heute ein kleiner Kaiman an die Reihe, der anschließend wieder im Fluss frei gelassen wurde. Als wir genauer den Fluss unter Augenschein nahmen, erspähten wir noch 2 größere Exemplare der Panzerechse und beobachteten diese. So verging der Abend recht schnell, und jedermann schlich irgendwann zu Bett. Eine Gruppe jedoch etwas früher, denn die Hälfte der Schüler sollte um 6 Uhr morgens eine Vogeltour mitmachen. Dabei musste man eine kleine Runde durch den Regenwald drehen, und wir schauten zu, wie der Stationsleiter die Vogelfangnetze kontrollierte. Dabei erläuterte er auch die Funktionsweise des Netzes und den Zweck, weshalb die Vögel gefangen und beringt wurden.

Um 8 Uhr gab es zur Abwechslung mal wieder Gallo Pinto, und danach ging die zweite Gruppe los, um beim Vogelberingen zuzuschauen. Die anderen hatten frei und die Zeit, sich eine Forschungsfrage für den Nachmittag zu überlegen.Einige beschäftigten sich mit Kaimanen, die anderen mit Schmetterlingen, Treiberameisen, man untersuchte die Symbiose zwischen Ameisen und Pflanzen, und auch Spinnen waren ein beliebtes Thema. So verstrich der jetzt sonnige Nachmittag mit dem Forschen, das bei einigen sehr Engagierten bis in den Abend dauerte. Auf den Abend freuten sich die meisten schon lange, denn dieser sollte der letzte (ganze) Tag in Costa Rica werden. Zu diesem Anlass spendierte die HSHS jedem 2 Freigetränke in einem Hotel gegenüber des Stromes, und eine Party wurde gefeiert. Es gab einen Billardtisch, der besondere Aufmerksamkeit auf sich lenkte, und bequeme Hängematten, in denen man ganz gemütlich seinen Träumen nachgehen konnte. Viele freuten sich auch, in der Urwaldhitze ein kühles Bier zu trinken.

Doch "das" eigentliche Ereignis dieser Nacht war die geplante Nachwanderung, Zuerst wollten viele mit, aber diese entschieden sich doch, zu schlafen, und nicht im Matsch herumzuwaten. Ich lag auch schon im Bett, als ich von der Wanderung erfuhr, aber ich bin in der nächsten Zeit wohl nie mehr im Urwald, also stand ich wieder auf, zog mich an und gesellte mich zu den anderen Geisteskranken. Nach einem Mitternachtsimbiss ging es los, jeder mit Taschenlampe bewaffnet, um sich dem dunklen, geheimnisvollen und unbezähmbaren Urwald zu stellen. Der Kanal aus Matsch begann auch schon nach den ersten 5 Minuten und versuchte, uns in die Knie zu zwingen. Wir aber lachten nur über seine harmlosen Einschüchterungsversuche und ließen uns nicht aufhalten. Dann stellte sich uns ein tiefer Teich in den Weg, aber sogar das war für uns kein Hindernis. Der Wald hatte nämlich versäumt, seine Liane wegzuräumen, an der wir uns über den unüberwindbaren Abgrund entlang schwingen konnten. Unserer Biologielehrerin war zwar nicht wohl dabei, da in Bäumen oft Schlangen hausten, die dort ja herunterfallen konnten. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, an dem wir uns wunderten, wie unser Stationsleiter Gabriel eineinhalb Jahre hier überlebt hat. An einem Schlangennest, wie er behauptete, steckte er seinen Kopf hinein, leuchtete mit der Taschenlampe dort herum und suchte die Gegend nach Schlangen ab. Im Wasser vor ihm schwamm eine und blitzschnell und mit einer unglaublichen Geschicklichkeit hatte er sie gefangen. Er war zwar verrückt und völlig aufgedreht, dennoch kannte er sein Handwerk genau.

Kurz danach durchsuchte er einen Felsspalt, plötzlich stolperte er nach hinten, fiel fast um und schrie "oh shiiit". Wir ängstlichen Stadtmenschen fielen sofort 3 Schritte rückwärts und erschreckten uns zu Tode, bis er lachend vor uns zum Stehen kam und meinte, es sei ein Scherz gewesen. Ein toller Scherz, wie unsere Biolehrerin fand...sie hatte einen gesunden Respekt vor Schlangen und dem Dschungel bei Nacht. Sie fühlte sich langsam nicht wohl, uns auf diese Wanderung mit einem vom Dschungelkoller besessenen Führer gelassen zu haben. Wir anderen, die wohl die Gefahren nicht richtig einschätzen konnten, fanden diesen Nachtspaziergang allerdings toll und witzig. Witzig...das fand Gogi wohl auch nicht, als Gabriel meinte, wir sollen hier warten, und dann Keks seine geliebten Treiberameisen zeigte. Das muss man sich so vorstellen, zu viert standen wir im Wasser und sahen den Urwaldmenschen nicht mehr. Wir hörten ihn zwar in einiger Entfernung, wie er auf etwas einschlug, aber was denkt man sich so ganz "allein" im großen bösen Wald? Von Keks erfuhren wir, dass er auf ein Treiberameisennest eingeschlagen hat, in der Hoffnung, da würden welche kommen, aber es war verlassen. (Ich denke auch, er wusste es vorher, denn sonst wäre er wohl nicht auf den Gedanken gekommen, so zu handeln) Am Ende überlebten wir, das Dickicht hielt uns nicht gefangen, wir waren guter Laune...bis vielleicht auf eine. Kurzum, die Wanderung war ein würdiger Abschied von Tortuguero.

Am nächsten Tag wurde schon früh geweckt, da die Boote uns um 10 Uhr abholen sollten. Bis dahin musste gepackt, aufgeräumt, gegessen und sich verabschiedet werden. Am Ende hatten manche allerdings noch viel Zeit, also fuhr man in einer Abschiedsrunde im Kanu den Fluss entlang, setzte sich auf den Steg und schaute über das Wasser oder unterhielt sich über irgendwelche Dinge… bis die Boote kamen, dann begann leichte Hektik. Leider hatten sie für das Gepäck nicht ausreichend Platz, also mussten viele es mit auf den Sitz nehmen, was sich auf die Bequemlichkeit negativ auswirkte. Die ganze Bootsfahrt war eher anstrengend als entspannend, da man schon nach den ersten 2 Stunden auf den harten Plätzen nicht mehr sitzen konnte. Ich machte deshalb das, was ich bei solchen Fahrten am besten kann, nämlich schlafen. Irgendwann kamen die Boote zum Stillstand und wir stiegen in einen öffentlichen Bus um, den wir ziemlich überfüllten. Aber er musste uns nicht lange ertragen, nach 15 Minuten etwa waren wir wieder in der Stadtmitte von Puerto Limon und liefen zum Zoll. Dort gab es noch mal Freizeit, um die übrig gebliebenen Colones umzutauschen oder auszugeben. Gegen 17.15 Uhr passierten wir ihn ohne Schwierigkeiten....die geschmuggelten Tukane bemerkte zum Glück niemand...:–) Wir machten es uns auf der Pier bequem und warfen einen Blick in Richtung Thor. Ich habe mich auf das Schiff gefreut, aber in dem Moment wäre ich gerne länger in Costa Rica geblieben. So fuhr ich mit dem allerletzten Dinghi, um noch etwas Zeit zum Nachdenken und Träumen zu haben.

An Bord war von der träumerischen Ruhe nichts mehr übrig, jeder flitzte umher und unternahm das, was ihm am Wichtigsten schien. Das war natürlich sehr verschieden, einige duschten gleich, andere setzten sich aufs Deckshaus und sahen der AIDA beim Auslaufen zu, wieder andere bezogen die Kammern, sortierten die schmutzige Wäsche aus – ein schönes geschäftiges Treiben also. Doch nach einiger Zeit versammelten sich die meisten Schüler vor dem Deckshaus und unterhielten sich. Man wartete auf die Schiffsversammlung...und auf die Post. Diese gab es auch vor dem Essen in Massen. Einige Eltern hatten aber auch Pakete geschickt, und Detlef betonte noch einmal, dass das für die Einzelreisenden schwierig zu befördern sei. Auch ist das nicht sehr fair den Schülern gegenüber, deren Eltern sich an diesen Beschluss hielten. Das Abendessen war vielen erst einmal egal, man wollte lesen, was die Lieben zu Hause einem mitzuteilen hatten. Doch Hunger lässt sich nicht so gern unterdrücken, besonders bei dem Essen nicht, zubereitet von Joe, dem Touri–Törn Koch. Mit guter Laune verbrachte man den Rest des Abends, ob man las, Musik hörte, Briefe beantwortete oder noch mal an Land fuhr.

Am nächsten Morgen standen nur 2 wichtige Dinge auf dem Plan: Kammern beziehen, diese seeklar einrichten, damit man etwa gegen 12 Uhr den Hafen verlassen konnte.Doch einziehen und aufräumen und Reinschiff und so weiter schafft man nicht bis 12, so verschob sich das ganze letztendlich bis etwa 16 Uhr. Wir fuhren los, obwohl noch nicht alles ganz peinlich genau aufgeräumt war, dafür waren, laut Detlef, Samstage und Schiffskontrolle gedacht. Er wollte endlich in See stechen. So verließen wir den Hafen und freuten uns auf die anstehende Seeetappe. Erstaunlich schnell kam man in den alten Schiffsalltagstrott hinein. So endete unser Landaufenthalt in Costa Rica, der, wie ich finde, trotz aller Schwierigkeiten gelungen war.

Mit lieben Grüßen an die Leute zu Hause
Susann Joch, alias "Felidae"
© by Susann Joch, HSHS 2003/04


 


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