HSHS 2003/04 – Tagebuch vom 19. April von Lotte Müller
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"Ich hasse Montage!"
 
Dieser Spruch stammt nicht von mir, sondern von Garfield, dem orangen Kater mit den schwarzen Streifen aus der Feder von Jim Davis. Genau das Gleiche dachte ich aber, als ich heute total im Stress mit einem Bein in meiner Ölhose durch den schwankenden Gang in die Messe hüpfte, mich weiter anzog und nach oben hetzte. Es war vier Minuten vor (Tine hatte geweckt und ich bat sie, mich in zehn Minuten nachzuwecken. Um viertel vor, anstelle zwanzig vor, weckte sie För und mich ein zweites Mal. Leider fehlten mir jetzt diese fünf Minuten, was ich merkte als ich fluchend versuchte in meine Gummistiefel zu kommen– sie sind undicht. Meine Compass– Qualitätsgummistiefel, die man oben extra zuziehen kann, damit kein Wasser hineinläuft, sind undicht; um halbwegs trockene Füße zu behalten, ziehe ich jetzt immer, bevor ich in die Stiefel steige, Mülltüten über meine Söckchen.

Ich stolperte also den Messeniedergang hoch. Irgend jemand hatte die super Idee gehabt ein Brett am Ausgang im unteren Bereich (wegen der Wellen) anzuschrauben, so dass die Türen offen bleiben konnten. Jetzt war nur noch ein Spalt zwischen Brett und Decke frei, wo man sich phantasievoll durchquetschen musste, um überhaupt nach draußen zu kommen. Ich schlug mir natürlich– mal wieder– den Kopf an. Im Anschluss an die Wachübergabe durfte ich eine Tampenrunde gehen und beim Brassen helfen. Jetzt stand das Wasser mindestens vier Finger hoch in meinen Gummistiefeln, wo es noch weitere dreieinhalb Stunden blieb, kalt wurde und meine Füße fast weg fror. Da kam mir dieser Satz von Garfield in den Sinn. "Ich hasse Montage!" und ich schob alles auf den ersten Tag der Woche. Garfield ist meine Lieblings–Comicfigur seit ich irgendwann mal beim Friseur neben den Mickey Maus Heften einige Garfield Comics von 1978 gefunden habe. Hier, an Bord in der Bibo, ist leider kein einziges, dafür haben wir jedoch Asterix, Lucky Luke und Rantanplan dabei.

Im Ausguck stehend dachte ich an Zuhause und an die Garfield Comics, die auf mich warten. Während ich so vor mich hingrübelte, entdeckte ich auch immer mehr entstandene Gemeinsamkeiten mit dem fetten, faulen, philosophischen Kater, der kalten Parkettboden und Nermal (das süßeste Kätzchen der Welt) nicht leiden kann. Komischerweise nehmen hier an Bord nur die Mädchen zu, die Jungs eher ab (Ausnahmen bestätigen die Regel). Außerdem glaube ich ja, dass man hier an Bord automatisch ein klitzekleines bisschen faul wird, was vielleicht auch daran liegt, dass der Tagesablauf mittlerweile nur noch von Wache gehen, essen und schlafen dominiert wird. So auch heute: Wache (von 4–8), Essen (Frühstück), Schlafen (bis 12 Uhr), Essen (Mittagessen), Achtung: Tagebuch geschrieben (Besonderheit, weil keins der drei dominierenden Elemente), Essen (Kaffee), Wache (16–18), Essen (Abendessen), Wache ( 18.30– 20), zwei Stunden gelesen, schlafen (ab 22). Morgen geht’s wieder von vorne los...

Als philosophisch sehe ich mich nicht wirklich, wenn man das Wort als nachdenklich interpretiert. In unserer Dreierkammer (Nr. 6) sind es eher Caro und För (vor allen Dingen Caro), die sich im Gegensatz zu mir über alles Mögliche (manchmal viel zu viel ) Gedanken machen. Noch so ein Kandidat ist Pepe. Wenn er und Caro sich unterhalten, ist das nicht so oberflächlich (was traurigerweise, nach sechs Monaten bei den meisten immer noch der Fall ist); nein, bei Pepe kann man sicher sein in ganz neue Sphären seiner und der eigenen Gedankenwelt vorzudringen. Für mich gab es die letzte Etappe (zu den Azoren) nichts unterhaltsameres, als am Kompass zu stehen und Pepes Erörterungen zu lauschen, die von Caro immer wieder unterbrochen und hinterfragt wurden. Die Idee den heutigen Tag überhaupt mit dem gefräßigen Katertier in Verbindung zu bringen, kam mir beim Mittagessen. Es gab Lasagne – Garfields Leibgericht ("Es gibt nichts Schöneres als das Rascheln von Lasagneblättern"); für die Vegis eine Spinatlasagne und für uns Normalsterbliche den Klassiker.

So, jetzt kommt zum Schluss meines letzten Tagebuches das Fazit, was ab dem ersten dieses Monats jedes Schülertagebuch enthalten soll. Also, mir hat die Reise im Großen und Ganzen sehr gut gefallen; ob sie mir was gebracht hat und ich als jemand wiederkomme, der "nicht mehr das ist, was er mal war" (hoffentlich nur im positiven Sinne :)), kann ich erst im Nachhinein sagen, wenn ich mich wieder Zuhause und in den Alltagstrott eingefunden habe. Wahrscheinlich kommt mir die Thorzeit dann total unwirklich vor, weil die sechs Monate unterwegs so anders sind, als alles das, was ich von zuhause her kenne. Auch habe ich mir im Vorfeld das ganze Projekt anders vorgestellt, kann aber nicht sagen, dass ich in irgendeiner Weise enttäuscht von der Fahrt bin. Bestimmt habe ich mich irgendwie verändert; ich finde nämlich von anderen an Bord (ich denke da an zwei ganz bestimmte Jungs), dass sie sich total verändert haben. Vielleicht liegt es aber auch nur an mir, weil ich anfangs mit ihnen kaum was zu tun hatte. Es ist schwer zu sagen, was mir am besten gefallen hat, da alles irgendwie besonders und speziell war. Auf jeden Fall das Schlafen unter freiem Himmel in Förs Hängematte, wo man vor dem Einschlafen die Sterne beobachten kann – so viele habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht auf einmal gesehen.

Was ich ätzend fand: Backschaft bei heftigem Seegang, die Seekrankheit, die mich erst in Mexiko in Ruhe gelassen hat und dass bestimmte Personen an Bord von anderen, die sich für etwas Besseres halten, immer noch nicht so toleriert werden, wie es ihnen zusteht. In den alljährlichen Abizeitungen unserer Schule gibt es immer noch den Punkt "unvergessen bleibt".

Also, unvergessen bleiben (auf jeden Fall) För, Caro und Moma, Costa Rica (vor allem die Manzanillo–Expi, die Corcovado–Horrortour, die Toiletten und das Waten durch den hüfthohen Schlamm von Tortuguero – immer mit der Angst von einer Bulletant angegriffen zu werden oder dass eins dieser fiesen Würmchen einem unter die Haut kriecht und seine Eier dort ablegt und natürlich, dass der Busfahrer extra für mich angehalten hat, damit mir nicht das gleiche wie Ruth passiert...), der Gestank, wenn der Fäka–Tank überschwappt, Cuba (was ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt habe), Karl–Heinz, unser Chichen–Itza–Führer ohne Deo und mit dem Drang das schon Gesagte ständig zu wiederholen, Uwes Blockflöten–Begleitung zu einem Weihnachtslied, der Ausflug mit der Maxi–Crew, Schnorcheln beim Horseshoereef, Spanischunterricht bei Ludger (ich kann kein einziges Wort!), Nico, unser Brot backender Onkel Doc, mit dem wir Kloschwämmchen genäht und viel Spaß gehabt haben, sowie die schönen Stunden (auf See oder an Land) vor allem mit FCM!

Es war ein ziemlich cooles, erlebnisreiches halbes Jahr und ich freue mich hier dabei gewesen zu sein, genauso wie ich mich wieder auf meine Familie, Freunde und den Alltag zuhause freue. Bis in 12 Tagen (hoffentlich pünktlich :)) in Emden (!), nicht in Wilhelmshaven oder Kiel!

Ach ja, was ich zuhause machen werde:
Keine Ahnung, was als erstes... Aber im Laufe der ersten Woche, wenn ich all meine Freunde, Bekannten und Verwandten begrüßt habe, werde ich Garfield Comics lesen und die Compass–Gummistiefel einschicken – will mein Geld wieder haben :)!

Macht’s gut, bis bald, eure Lotte
© by Lotte Müller, HSHS 2003/04


 


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