Vorwort zur Festschrift

Am 28. April 1928 gründete Alfred Andreesen die Hermann Lietz–Schule Spiekeroog.

In diesem Jahr kann unsere Schule auf eine 75–jährige Geschichte zurückblicken. Höhen und Tiefen, unverkennbar auch in Abhängigkeit von der Zeitgeschichte, kennzeichnen die Schulgeschichte. Wichtige Daten aus der jüngsten Vergangenheit sind die Neugründung unserer Schule in eigener Trägerschaft im Jahre 1984 und die Gründung der "High Seas High School – Das segelnde Klassenzimmer" vor zehn Jahren. Mit Genugtuung und Dankbarkeit blicken wir auf die erfolgreiche Arbeit und die vielfältige Anerkennung.

Dennoch sollte dabei der Blick zurück auf die allerersten Anfänge nicht vergessen werden. Die von hoher Risikobereitschaft und pädagogischer Konsequenz geprägte Gründung der Hermann Lietz–Schule Spiekeroog kann uns auch heute noch in unserem pädagogischen Handeln zu Mut und Hartnäckigkeit herausfordern. "De Keerl mutt mal sin!" (Der Kerl muss verrückt sein) oder "Mut zum Wagnis!" (Prof. Meijering in seiner Rede zum 50–jährigen Jubiläum), so fielen, je nach Temperament, die Kommentare zur von Dr. Alfred Andreesen beabsichtigten Gründung eines Landerziehungsheims auf Spiekeroog aus.

Um die Diskussion über den Standort zu verstehen, muss man sich auf die Nordseeinsel Spiekeroog der damaligen Zeit zurückversetzen. Die Verbindung zum Festland wurde von einem kleinen Fährschiff aufrechterhalten, das wochentags einmal, abhängig von Ebbe und Flut, Wind und Wetter die Insel anlief. Im Winter, wenn die Insel vom Eis eingeschlossen war, fiel es oft wochenlang aus. Vom Anleger im Westen führte eine Pferdebahn ins kleine Dorf, das noch wenig vom Kurbetrieb berührt war. Verfügbar war ein Gelände im Osten der Insel, wo sich gerade neue Dünen gebildet hatten. Es gab vom Dorf her keinen Fahrweg, weder eine Süßwasserversorgung noch einen Stromanschluss. Bei jeder Sturmflut wurde das Land weit überflutet. Jedem, der pädagogisch und wirtschaftlich dachte, musste die Absicht, gerade an dieser Stelle eine Schule zu gründen, absurd erscheinen.

Alfred Andreesen, aus Esens in Ostfriesland stammend, hatte nach dem Tode von Hermann Lietz im Jahre 1919 vier Heime, drei in Thüringen und eins in Hessen übernommen. Er gründete weitere Heime in diesen Gebieten, sowie 1928 das Heim in Spiekeroog. Mit der Gründung der Hermann Lietz Schule Spiekeroog wagte Andreesen ein Experiment, das sich von allen anderen Neugründungen durch den unausweichlichen Zwang zur existenziellen Auseinandersetzung mit der Natur unterschied. In der Landgewinnung und Sicherung durch Deichbau sah er eine herausfordernde Gemeinschaftsaufgabe für Schüler und Lehrer. Ebenso wie Lietz ging auch Andreesen schon damals davon aus, dass weder die Schule noch die Familie, der ihnen zukommenden Bedeutung für die Persönlichkeitsbildung des Kindes gerecht würden. Die Schule sei zur "Paukschule" verkommen, die Familie in ihren Funktionen "verarmt" und die "seelische Verarmung unserer ganzen Umwelt" hätte verheerende Folgen für die Erziehung.

Die Grundlagen der Lietz–Pädagogik wurden und werden in Spiekeroog einer besonderen Prüfung unterworfen. Lietz ist die Einsicht zu verdanken, dass Aufwachsen im Internat mehr sein kann als der Besuch einer guten Schule mit Wohnmöglichkeit. Deshalb ist ein Landerziehungsheim – ganz im Sinne Pestalozzis – eine Ergänzung der Familienerziehung. Seine Erziehungsgrundsätze finden in den Organisationsformen für den Alltag in Spiekeroog bis heute – oder besser: heute wieder! – ihren Niederschlag: In der "Familie" lebt jeder Lehrer im Internat mit seinen Schülern zusammen und ist "rund um die Uhr" für sie verantwortlich.

In den "Gilden" und "Diensten" arbeitet jeder neben dem Unterricht für die Heimgemeinschaft. Spiekeroog macht aus den Lietzschen Grundsätzen ein Mittel notwendiger Existenzsicherung, der sich kein Heimbürger entziehen kann. Das Leben, Lernen und Arbeiten in der Gemeinschaft aller Schüler, Lehrer, Handwerker, Küchen– und Hausmitarbeiter stellt die verloren gegangene Einheit von Lebens– und Arbeitsbereichen wieder her. So war und ist es auch jedem einzelnen möglich, die Existenz der Schule als eigene Mitleistung zu begreifen. Die frühen Gründerjahre nach 1928 wurden so ebenso wie die nach Krise und Schließungsbeschluss von allen Heimbürgern getragene Neugründung 1984 als Herausforderung begriffen und schließlich erfolgreich gemeistert.

Heute nennt man dies "corporate identity" und den Weg dorthin "Ernstfalldidaktik". Wir sagen dazu: "Jeder hier in unserer Gemeinschaft muss wissen, dass er gebraucht wird und wichtig ist! "Die Hermann Lietz–Schule Spiekeroog verbindet heute die reformpädagogischen Grundsätze mit den intellektuellen Ansprüchen des Gymnasiums und entwickelt sie konsequent weiter: Die "High Seas High School – Das segelnde Klassenzimmer" bietet seit 1993 eine in Deutschland und Europa einmalige Möglichkeit der Ausbildung besonders leistungsfähiger und belastbarer Jugendlicher auf sechsmonatigen weltweiten Seetörns mit Großseglern. Der internationale Charakter der Schule mit den Fremdsprachen Englisch, Spanisch und Französisch wird durch internationale Kontakte der High Seas High School verstärkt und gepflegt. Der natur– und Umweltbezogene Schwerpunkt unserer Arbeit im Nationalpark Wattenmeer mit der Verknüpfung von Unterricht, Forschung und Tourismus wird durch den Bau eines Umweltbildungszentrums eine dauerhafte institutionelle Form bekommen.

In dieser Festschrift zur 75–Jahr–Feier zeichnen wir die konzeptionelle Entwicklung unserer Schule von ihren Anfängen bis in die Gegenwart nach. Sie soll eine Ergänzung der Dokumentation sein, die wir zur 60–Jahr–Feier vorgelegt haben. Damals wollten wir wichtige und interessante Schriftstücke und Aussagen zur Geschichte der Hermann Lietz–Schule Spiekeroog wieder verfügbar machen und festhalten. Die Autoren der Festschrift hingegen stellen einen Bezug zwischen den ursprünglichen reformpädagogischen Ansprüchen, den heutigen Ausprägungen und konzeptionellen Fortschreibungen her.

Darüberhinaus ist es uns aber auch wichtig, ein Stück deutscher Geschichte "zu besichtigen", indem wir dabei den Fokus auf unsere Schule richten: Wolf Jobst Siedler wurde 1943 mit seinem Freund Ernst Jünger, beide siebzehnjährig, an der Hermann Lietz Schule Spiekeroog denunziert und 1944 vom Kriegsgericht in Wilhelmshaven zur "Frontbewährung" verurteilt. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er uns für die Festschrift aus seiner Autobiographie die Erinnerungen an diese Zeit zur Verfügung gestellt hat. Gleichzeitig hat uns Herr Siedler eine Premiere ermöglicht, indem er uns aus dem zweiten Band von "Ein Leben wird besichtigt", der erst im Frühjahr 2004 erscheinen wird, den Vorabdruck des Kapitels über seine ersten Schritte in das Nachkriegsleben erlaubte.

Daneben bin ich Herrn Klaus Bergmann, Vorsitzen der Richter i.LG a.D. zu Dank verpflichtet. Er hat uns seine Abhandlung in einer juristischen Fachzeitschrift über den Prozess in Wilhelmshaven freundlicherweise ebenfalls zur Verfügung gestellt. Weiterhin bin ich Dr. Mike Neufeld, Washington für seine kritische Würdigung des wohl prominentesten Schülers unserer Schule, Wernher von Braun, dankbar. Das Copyright für diese Kurzbiographie liegt bei der Smithsonian Institution in Washington D.C.

Allen anderen Autoren gilt ebenfalls mein herzlicher Dank für ihre Beiträge!

 

Dr. Hartwig Henke, OStD

Leiter und Geschäftsführer der
Hermann Lietz–Schule Spiekeroog


aus: Festschrift – 75 Jahre HL–Schule Spiekeroog
Spiekeroog 2003


 


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